Vertrauen (Kapitel 9)

Am nächsten Morgen stand George als Erste auf. Als sie auf die Uhr sah, hielt sie verwirrt inne. Es war schon um 9! Hatte Mike nicht gesagt, dass sie um 8 aufstehen müssten? Sie blinzelte sich den Schlaf aus den Augen und sah nochmal auf das Ziffernblatt. Nein, sie hatte sich nicht geirrt.
Hastig stand sie auf. Die anderen weckte sie noch nicht. Tim und Lucky aber waren schon wach. Sie sprangen auch vom Bett und wedelten mit den Schwänzen.
„Wir müssen gucken, ob meine Uhr falsch geht“, erklärte sie leise, als sie sich den Kapuzenpulli überzog. „Oder ob Luy es einfach nicht bemerkt hat…“
Sie ging zur Tür und trat hinaus. Es war bereits hell. Sie ließ ihren Blick über die Wiese schweifen. Die Pferde, Zebras und Elefanten grasten zufrieden. Ansonsten war noch alles still. Die Vorhänge der anderen Zirkuswagen waren zugezogen.
Was war denn los?, wunderte sich George.
Tim lief schwanzwedelnd zu dem einen Wagen, auf dem lauter Hunde gemalt waren. Das musste der Wagen von Nils und Mysla sein, vermutete George. Lucky folgte seinem Freund.
Hinter George rumpelte es in ihrem Wagen und dann lugte Mikes Kopf aus der Tür.
„Ach da bist du“, meinte er und grinste. „Dachten wir uns schon.“
„Aber warum ist denn noch niemand wach?“, murmelte George. „Es ist schon 9.“
Mike schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Das hab ich dir gar nicht gesagt!“, stöhnte er.
„Was?“
„Na ja, wenn wir anreisen und solange in die Nacht arbeiten, dann dürfen wir länger schlafen“, erklärte er.
„Du Schafskopf, so was musst du mir doch sagen!“
„Jaja, sorry…“
„Mach das nicht nochmal!“ George pfiff leise und ihre beiden Hunde kamen sofort zurück. Dann kletterte sie zurück in den Wagen. Mike hatte sich schon wieder zurückgezogen und saß jetzt auf einem der Stühle. Svenja kletterte gerade aus dem oberen Bett des Doppelbettes  herunter.
„Was hast du denn gemacht?“, fragte sie lächelnd. „Warum warst du schon draußen?“
„Mike hat mir nichts davon gesagt, dass wir hätten länger schlafen können“, brummte George missmutig. „Ich war schon draußen, frische Luft schnappen. Bin eh immer früher wach, als die anderen.“ Das war auch bei den Geschwistern so gewesen, erinnerte sie sich. Kurz zog ein trauriger Schatten über Georges Gesicht. Sie vermisste die drei wirklich. Aber jetzt hatte sie ja auch hier Freunde.
„Na wenn wir schon mal wach sind, wollen wir uns nicht schon mal umsehen? Ich hab gestern nichts mitbekommen, wie’s jetzt aussieht“, schlug Svenja vor und zog sich an.
„Gute Idee“, stimmte Mike grinsend zu. „Dann muss George auch nicht mehr so böse gucken.“
George sprang auf und funkelte ihn an. „Lass mich doch auch mal böse gucken“, meinte sie.
„Schon gut“, trotzdem grinste Mike. „Grummelbär.“
Georges Miene erhellte sich nicht gerade. Stattdessen drehte sie sich um und verließ den Wagen. Selber Grummelbär, dachte sie wütend. Tim und Lucky waren ihr gefolgt, so wie immer. Beide liefen hinter ihrem Frauchen her.
Mike kletterte hinter George aus dem Wagen und stolperte. Beinahe wäre er runtergefallen, konnte sich aber im letzten Moment festhalten. „He, sorry. Ich wusste nicht, dass du so empfindlich reagierst“, entschuldigte er sich.
George ignorierte ihn einfach und lief in die Richtung des Zirkuszeltes.
„Super, Mike“, meinte Svenja und gab Mike einen Klapps auf den Hinterkopf. „Das darfst DU jetzt wieder geradebiegen.“
„Ich hab doch nichts gemacht!“, entgegnete Mike. Als er Svenjas Blick sah, verstummte er. „Okay, schon gut. Ich mach ja schon…“
Er lief hinter George her, sagte aber vorerst nichts mehr.
Das Mädchen lief weiter und betrat das Zirkuszelt. Mit großen Augen sah sie sich um. „Wow ist das groß“, flüsterte sie. „Tim, Lucky, seht euch das mal an!“
Das Zelt von innen zu sehen war wirklich etwas ganz anderes. Es war riesig. Unglaublich groß. Ganz weit oben befand sich ein Seil. George stellte sich vor, das Svipa da oben balancieren würde, so wie Svenja und Mike es ihr erzählt hatten. Dann stellte sie sich Svenja da oben vor und bekam eine Gänsehaut.
„Oh mein Gott ist das hoch“, meinte sie ehrfürchtig.
„Stimmt“, meinte Mike und lächelte. Er hatte sich neben George gestellt.
„Und da oben läuft Svenja auch?“
„Genau.“
„Krass. Ich muss das mal ausprobieren“, überlegte George. Mikes ‚Grummelbär‘-Kommentar hatte sie beim Anblick des Zeltes bereits vergessen. „Und hier können so viele Menschen sitzen.“ George besah sich die vielen Bankreihen, die schon aufgereiht dastanden. Dann entdeckte sie den Torbogen mit blauen Vorhängen. „Von dort kommt ihr in die Manege, oder?“
„Richtig. Dahinter ist der Eingang ins Zelt. Dort bereiten die nächsten Artisten ihre Aufführung vor. Letzte Sachen werden beredet und die Kostüme von Mensch und Tier nochmal gerichtet.“
„Wie lange übt ihr für eine Vorführung?“, fragte George.
„Na ja, je nachdem. Zwischen ein paar Tagen und einer Woche.“
„Cool. Was meinst du, passt am besten zu mir?“
„Ich würde sagen…Dresseur oder Dompteur“, gab Mike zu.
„Echt? Dompteur, meinst du wirklich?“
Mike wurde rot. „Ja, du hast eine gute Bindung zu Tieren. Du solltest mal zu Vagna und Glasir gehen.“
Georges Wange wurden zartrosa. „Äh…ja. Okay, mach ich dann heute Mal…“, stammelte sie nervös. Dann fasste sie sich wieder. „Sag mal, du verschweigst Svenja und mir doch was, oder?“
Augenblicklich sah Mike weg. Das deutete George als ja.
„Wir sind Freunde und ihr habt selbst gesagt, wir lügen uns nicht an“, begann George.
„Ich lüge nicht!“, meinte Mike sofort.
„Ich weiß, aber meinst du nicht, du kannst uns vertrauen?“
„Ich weiß nicht genau“, überlegte Mike sichtlich nervös. „Ich weiß es noch nicht, okay? Lass mir Zeit, so wie du mit deinem Namen.“
„Gut. Aber, glaube mir, es hilft, wenn man mit jemandem darüber redet. Irgendwo habe ich mal gelesen… ‚Manchmal, da weißt du nicht, was falsch und richtig ist,
doch dann triffst du jemanden, der zeigt dir wer du bist. Ja, manchmal, wenn du mutig bist, dann erreichst du plötzlich ganz viel. Und wenn du dabei noch Freunde gewinnst, ist kein Wahnsinnsweg zu viel.‘ Nimm dir die Worte zu Herzen, Mike“, meinte George. Sie wusste nicht mehr, woher sie diese Worte kannte. Aber sie mochte diese Worte, sie entsprachen der Wahrheit, hatte sie festgestellt.
Mike sah sie leicht verdutzt an. „Ähm. Ja, danke George…“ Dann drehte er sich um. „Ich gehe…spazieren.“
„Mach das“, rief George ihm hinterher und bestaunte erneut neugierig das Zelt. Dann fiel ihr etwas auf. „Tim? Lucky? Wo seid ihr?! Hallo?“
Die Hunde bellten und dann entdeckte das Mädchen die wackelnden Schwänze der beiden, als sie durch die Sitzreihen flitzten. „Hey!“ Sie pfiff. Die beiden Hunde blieben stehen und liefen gehorsam zu ihr. „Also echt, das hier ist kein Spielplatz.“
Die beiden sahen beschämt zu Boden.
„Aber, eigentlich habt ihr Recht. Hier kann man bestimmt schön spielen“, das Mädchen grinste. „Na gut, dann lauft hier rum und spielt. Na los, macht schon.“ Sie scheuchte die beiden Hunde fort. Diese rannten aufgedreht durchs Zelt und spielten wieder Fangen.
George lächelte. „Ich werde mir die Zirkuswagen der anderen ansehen.“
Sie verließ das Zelt und hielt inne. Langsam regte sich der Platz. Manche Artisten liefen schon über die große Wiese und bauten die restlichen Sachen auf. Andere, wie Nils und Mysla, fütterten ihre Tiere. George entdeckte auch Vagna und Glasir, die ihre Löwen und Tiger bürsteten.
Sie beschloss, die beiden zu besuchen, so wie Mike es vorgeschlagen hatte. Also lief sie unauffällig in die Richtung der Käfige. Glasir hob den Kopf.
„Hallo, Georgina“, meinte er freundlich.
George seufzte. „Bitte, nennt mich George. Ich bin nicht Georgina“, bat sie.
„Warum denn das?“, fragte Vagna.
„Das…bin ich eben einfach nicht…“, versuchte George zu erklären.
„Kein Problem“, meinte Glasir. „Geht uns doch auch so. Ich bin Glasir, kein anderer.“
„Danke“, George strahlte. Dieser Vergleich war ihr noch gar nicht eingefallen. „Stimmt.“
„Was willst du eigentlich hier?“, fragte Vagna und strich ihrem Tiger über den Kopf. Beide befanden sich jeweils in einem Käfig. Vagna bei den Tigern, Glasir bei den Löwen. Und keiner der Raubtiere schien ihnen böse gesonnen zu sein.
„Die Tiere bestaunen“, meinte George. „Ich finde sie so toll.“
„Oh ja, sie sind wundervoll. Sehr anmutige Wesen, die Mutter Natur erschuf“, bestätigte Vagna und ihre Augen leuchteten. „Prachtvolle Wesen voller Energie. Zutrauen schenken sie nicht jedem.“
George nickte. „Genau, das finde ich auch. Und ich…Mike meinte ich…ich hätte eine gute Verbindung zu Tieren.“ Das Mädchen senkte den Kopf.
Vagna und Glasir verließen die Käfige und schlossen sie sorgfältig.
„Du willst ausprobieren, ob der Dompteur etwas für dich ist?“, fragte Glasir und sah George aufmerksam an. Auch Vagna unterzog George einer gründlichen Beobachtung.
„Du stehst voller Zutrauen da“, bemerkte Vagna anerkennend. „Deine Augen strahlen Zuversicht und Mut aus. Ja, ich finde, du hast durchaus das Zeug dazu.“
George sah sie mit großen Augen. „Meinen Sie wirklich?“
„Aber ja, doch duz uns ruhig“, stimmte Glasir zu.
„Also…darf ich bei euch in die Lehre gehen?“, Georges Augen leuchteten voller Ehrgeiz.
„Das müssen wir erst noch überprüfen. Aber du hast sehr gute Chancen“, meinte Glasir nachdenklich und sah zu Vagna. „Lass es uns jetzt herausfinden.“
„Jetzt schon, meinst du nicht, dass es zu früh ist?“, gab Vagna zu Bedenken.
„Nein, nein. Jetzt ist es genau richtig“, meinte er überzeugt.
„Na gut“, willigte sie ein. „George, bist du bereit?“
„Bereit für was?“ George sah die beiden nervös an.
„Uns zu beweisen, ob du es würdig bist, eine Dompteurin zu werden?“, meinte Vagna.
Unsicher nickte George.
„Gut, dann fass durch die Stäbe und streichele einen der Löwen“, meinte Glasir.
„Was? Jetzt? Einen Löwen?“ Die Augen des Mädchens weiteten sich erschrocken. „A-aber…“
„Zeige keine Angst und dafür deine Zuversicht“, riet Vagna und musterte George aufmerksam.
George sah die Löwen an. Dann klickte es in ihrem Hirn und sie schüttelte sich. Die Anspannung und Nervosität verschwand. Zuversicht machte sich in ihr breit. Langsam streckte sie ihre Hand aus und durch die Gitterstäbe. Sie sah dem Löwen, dem einzigen Männchen, in die Augen.
„Doch nicht den“, meinte Vagna erstickt. „Er ist der Gefähr-“
„Pst“, unterbrach Glasir leise. „Sie hat das Zeug dazu. Niemand konnte ihn je richtig bändigen. Selbst mir macht er Probleme… Aber bei ihr, ich habe vollstes Vertrauen.“
Vagna sah ihn nur noch entgeisterter an als zuvor.
George hatte dem Gespräch der beiden nur mit halbem Ohr gelauscht. Sie konzentrierte sich voll und ganz auf den Löwen vor ihr. Langsam schob sie ihre Hand nach vorne. Den Augenkontakt mit dem Löwen behielt sie bei. Sie hatte tatsächlich keine Angst mehr, nur das Verlangen, diesem Löwen zu helfen. In seinen Augen war ein Glanz, den sie als Trauer erkannte. Der Löwe hatte etwas und brauchte jemanden, der ihm half.
Fünf Zentimeter vor der Schnauze des Löwen hielt das Mädchen inne. Sie sah dem Tier direkt in die Augen und legte alles Zutrauen in ihren Blick. Komm schon, dachte sie, ich will dir helfen, mein Freund.
„Oh nein“, flüsterte Vagna. „Er wird sie verletzen… Wenn nicht sogar schlimmer…“
„Pst“, widerholte Glasir. „Sieh zu und staune.“
In diesem Moment bewegte sich der Kopf des Löwen langsam nach vorne. George schloss die Augen. Vagna atmete ziemlich schnell. Dann hielten alle drei plötzlich den Atem an. Alle verharrten still.
George spürte etwas Weiches in ihrer Handfläche. Langsam blinzelte sie und sah den Löwen an. Er hatte die Augen geschlossen und seine Schnauze in ihre Handfläche gedrückt. Langsam und sanft strich George ihm über das weiche Fell.
„Na siehst du, sie hat das Zeug dafür! Hab ich doch gesagt!“, meinte Glasir triumphierend.
Vagna keuchte. „Ich fass es nicht. George Kirrin, du bist ab heute die Nachwuchs-Dompteurin des Zirkus‘ Drygansil.“

© by George28

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Kommentare: 6
  • #1

    Leonie (Samstag, 18 Januar 2014 17:23)

    Das Kapitel ist echt gut vorallem das mit dem Löwen!!! Weiter so!!!!!!!

  • #2

    George28 (Samstag, 18 Januar 2014 17:27)

    Danke. :)

  • #3

    Hannes (Samstag, 18 Januar 2014 18:31)

    Echt super!!! Die Stelle wo George sagt, dass sie nicht Georgina ist mag ich besonders.

  • #4

    Georg Kirrin (Samstag, 25 Januar 2014 07:48)

    Cool!! Das mit den Löwen!!

  • #5

    Sanya (Dienstag, 18 März 2014 19:54)

    die ist voll gut. wann schreibst du weiter.

  • #6

    Sarah (Sonntag, 06 April 2014 11:38)

    Echt cool geschrieben. Ich könte das nicht so gut

Ich bin KEINER der Fünf Freunde Schauspieler, nur ein Fan!



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