Unerwartete Gäste (Kapitel 10)

Nach diesem Triumph war George überglücklich. Sie hatte es endlich geschafft. Sie hatte ihren Platz im Zirkus gefunden. Sie war ab jetzt ein Dompteur! Noch immer strich sie dem Löwen zärtlich über die Schnauze. Dann, ganz leise, hörte sie ein Schnurren. Der Löwe schnurrte zufrieden, drückte seine Schnauze noch fester in Georges Hand.
„Er mag mich“, stellte George lächelnd fest.
„Stimmt“, Glasir legte George eine Hand auf die Schulter. „Vielleicht kannst du ihm helfen. Schon seit einigen Wochen konnte er bei keiner Show mehr mitmachen, weil er nicht mehr gehorchte. Vielleicht bringst du uns Glück.“
„Ich werde mein Bestes geben, Glasir und Vagna!“, versprach das Mädchen.
„George!“, ertönte da plötzlich Svenjas erschrockener Schrei. „Was machst du denn da?! Du kannst doch nicht…“ Svenja verstummte und sah von Glasir und Vagna zu George. „Was ist passiert?“ Sofort klang ihre Stimme begierig, so wie George es von ihr kannte.
„George ist jetzt eine Dompteurin“, erklärte Vagna.
„Dompteur“, wiedersprach George.

Vagna blinzelte verwirrt, dann fiel es ihr wieder ein. George wollte ja ein Junge sein. Stimmt ja.

„Wie bitte?“, Svenja glaubte, sich verhört zu haben. „Und das, weil sie…“, Svenja sah zu dem Löwen, „…weil sie Mephisto gezähmt hat? Unglaublich!“
„Ja, sie hat es in ihrem Blut“, bestätigte Glasir zufrieden.
„Das müssen wir Mike sagen!“, rief Svenja begeistert. „Und Luy und allen anderen! Die werden sich vielleicht wundern!“
„Ganz ruhig“, meinte George zu Svenja. Dann zog sie langsam ihre Hand aus dem Käfig, Mephisto sah sie traurig an. „Ich komme ja wieder, Mephisto“, versprach sie ihrem neuen Freund. Den Namen Mephisto fand sie wunderschön und er passte zu ihm. Dann drehte sie sich vollständig zu Svenja um. „Wir haben doch Zeit. Viel Zeit.“
„Nein, haben wir nicht“, Svenja grinste frech. „Nicht, wenn ich Neuigkeiten zu verbreiten habe!“ Und damit zog Svenja George hinter sich her. George hatte keine andere Wahl, sah nochmal zu Vagna und Glasir, die kopfschüttelnd lächelten, und ergab sich ihrem Schicksal.
„Und wo willst du jetzt hin?“, fragte das Mädchen.
„Erstmal zu Mike, und während der Suche klappern wir alle Wohnwagen ab“, kam die Antwort von Svenja.
„Oh nein, bitte nicht. Das müssen doch nicht alle-“ George hörte auf mit protestieren und sah verdutzt zu einem der Zirkuswagen. Luy stand vor seinem Wagen, neben ihm befanden sich zwei Männer. „Wer ist das denn?“, fragte George neugierig.
Svenja sah ratlos drein. „Weiß nicht, sind vermutlich zum ersten Mal hier. Sie gehören jedenfalls nicht zum Zirkus…“
„Komm, lass uns mal gucken, was Luy und die beiden besprechen“, meinte George aufgeregt und nun war sie es, die Svenja hinter sich herzog.
„Aber wir können doch nicht einfach da hinlaufen!“, protestierte Svenja.
„Machen wir auch nicht“, entgegnete George und ein spitzbübisches Funkeln breitete sich in ihren Augen aus. Sie hatte irgendeinen Unsinn im Kopf. Svenja sah ihre Freundin nervös an.
„Irgendwas Verbotenes machen wir trotzdem“, brummte sie, dann waren die beiden Mädchen hinter einem der Zirkuswagen verschwunden. George schlich hinter dem Wagen entlang, direkt zu Luys Wagen. Hinter dem Wagen des Direktors blieb sie stehen.
„Was hast du vor?“, fragte Svenja leise.
„Pst!“, mahnte George und hielt sich einen Finger vor dem Mund.
Svenja verstand und spitzte die Ohren. Dann konnten die beiden Mädchen die Stimme von Luy hören und auch die beiden Männer sprachen laut genug, dass man sie verstand.
„Sie wollen sich also für zwei Wochen unserem Zirkus anschließen?“, fragte Luy gerade. Er klang nicht sehr begeistert.
„Ja, Sir. Das wollen wir“, meinte der eine Mann ganz aufgeregt. Er klang fast wie ein kleines Kind, so eine hohe Stimme hatte der. „Man hat unsere Arbeit gekündigt, also unser Zirkus hat uns unsere Arbeit gekündigt, weil...“
„Weil…?“, hakte Luy nach.
„Äh, ja, ähem“, räusperte der Mann sich.
„Waren Ihre Auftritte nicht gut genug?“, fragte Luy misstrauisch.
„Nein, nein!“, keuchte der andere Mann. Er hatte eine ziemlich tiefe und irgendwie angsteinflößende Stimme. „Nein, weil der Zirkus Pleite gegangen ist.“
„Genau“, pflichtete der andere ihm hastig bei. „Der Zirkus ist Pleite gegangen.“
„Was haben Sie denn in ihrem Zirkus gemacht?“, wollte Luy wissen.
George sah Svenja an. „Der scheint aber nicht sehr überzeugt zu sein“, bemerkte sie.
„Wäre ich auch nicht, die lügen doch wie gedruckt!“, murmelte Svenja.
„Wir sind Clowns!“, rief der eine begeistert. Im nächsten Moment erklang ein leiser „Auuu!“-Schrei und irgendwer hüpfte keuchend hin und her. Der eine Mann war dem anderen wohl auf den Fuß getreten.
„Wir sind eigentlich nur Auf-und Abbauartisten“, meinte er und ignorierte seinen jammernden Freund. „Vielleicht können Sie noch Hilfe gebrauchen, Sir.“
„Aufgebaut ist ja eigentlich alles“, meinte Luy nachdenklich. „Aber wir könnten trotzdem noch Hilfe gebrauchen. Es muss ja täglich eingekauft werden, Plakate müssen verteilt werden… Und außerdem kann ich Sie ja nur schwer wieder wegschicken, wo Sie doch extra zu uns gekommen sind.“
„Danke, Sir“, bedankte sich der Mann.
„Sie werden sich mit Ernir, einem unserer Clowns, den Wagen teilen. Ich werde ihn noch informieren“, fügte Luy hinzu, dann schien er zu gehen.
„Komm, lass uns gehen, wir haben genug gehört“, flüsterte Svenja. „Das sind zwei einfache-“
„Pst!“, zischte George und lauschte weiter.
„Oh, wir werden uns ein Zimmer mit dem Clown teilen, Boost! Ist das nicht toll?“, freute sich der Mann mit der hohen Stimme.
„Klappe, Finn!“, fauchte Boost wütend, was bei seiner tiefen Stimme nicht gerade schwer war. „Du hättest beinahe den ganzen Plan versaut, du Trottel! Unser Chef vertraut darauf, das wir das hier hinkriegen!“
„Ja, Boost“, meinte Finn leise. „Verstanden…“ Glücklich wirkte er aber nicht.
Svenja sah entsetzt zu George. „Was für ein Chef? Was haben die vor?“, fragte sie leise.
„Keine Ahnung, jedenfalls nichts Gutes. Wir sollten die im Auge behalten und jetzt komm.“ Leise schlichen sich die beiden Mädchen wieder davon.
„Das müssen wir Mike erzählen, auf jeden Fall!“, rief Svenja noch immer ganz verstreut von dem, was sie eben gehört hatte. Zwei fremde Männer kreuzten im Zirkus auf, baten um Unterkunft und arbeiteten an irgendwas für einen Chef! Wenn das nicht aufregend klang!
Mike lief den beiden direkt in die Arme. Wie sich herausstellte, hatte er die beiden Mädchen auch gesucht. Tim und Lucky tollten um ihn herum. Er hatte die beiden während seiner Suche aufgegabelt.
Svenja und George erzählten ihm, als sie im Wohnwagen waren, alles. Mike wollte jedes Detail wissen. Dann lehnte er sich nachdenklich zurück. George und Svenja starrten ihn erwartungsvoll an.
„Klingt nach einem Abenteuer“, Mike grinste.
„Genau! Ein ziemlich spannendes Abenteuer, meinst du nicht?“ Auch George grinste mit leuchtenden Augen.
„Aber…das klingt doch irgendwie gefährlich“, wagte es Svenja zögernd zu widersprechen.
„Ach Quatsch, das wird lustig, glaub mir“, winkte George lächelnd ab. „Ich habe schon einige Abenteuer erlebt, wir schaffen das schon. Und diese beiden wirken nicht gerade so, als ob sie hier wirklich helfen wollen. Die führen irgendwas im Schilde, die wollen vielleicht euren Zirkus kaputt machen!“
„Das können wir nicht zulassen!“, rief Svenja entsetzt. „Zirkus Drygansil ist mein Zuhause!“ Damit hatten Mike und George also auch Svenja überzeugt. Hier begann gerade ein großes Abenteuer, größer als George es sich zu Beginn der Ferien erhofft hatte.
Tim und Lucky bellten aufgeregt. Sie hatten zugehört und wurden von der Aufregung der Kinder angesteckt.
„Okay, was machen wir jetzt? Beobachten wir jetzt Boost und Finn? Oder… Moment, Mike, wir haben dir ja noch gar nicht von Georges Erfolg erzählt!“, Svenja sah zu George. Das hatte sie ja total vergessen! „George ist nämlich jetzt die Nachwuchs-Dompteurin! Äh, nein, der Nachwuchs-Dompteur.“ Svenja grinste und George lächelte zufrieden. Wenigstens akzeptierten die beiden sie so, wie sie war.
Mike grinste. „Siehst du, George, ich hab’s dir ja gesagt!“
George kicherte. „Ich weiß. Aber ich bin jetzt nur Dompteur, weil ich Mephisto gezähmt habe, oder zumindest mag er mich und ich konnte ihn streicheln.“
„Wow, nicht schlecht“, Mike pfiff anerkennend durch die Zähne. „Da werden sich Joel und Joy aber aufregen.“
„Warum?“, fragte George irritiert. „Die sind doch Dresseure.“
„Schon, aber beide wären am liebsten Dompteure, dass weiß jeder. Vagna und Glasir haben die beiden nur nicht gelassen. Ihnen hätte das Talent dazu gefehlt. Sie kämen besser mit den Pferden und Hunden klar“, erklärte Svenja. „Und jetzt bist du ein Dompteur geworden…oje.“
„Oje, das kannst du laut sagen!“, seufzte George. „Die beiden mögen mich doch eh schon nicht. Jetzt haben sie aber wenigstens einen Grund dafür…“ George schwor sich aber, nicht nachzugeben. Da konnten die beiden doch machen was sie wollten, sie würde den beiden entgegentreten und sich wehren. Sie hatte ja sowieso noch eine Rechnung mit den beiden offen. Kurz verzog sich ihr Mund zu einem trotzigen Lächeln.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte Svenja wissen.
„Die beiden Typen beobachten?“, schlug Mike vor.
George sah zu Boden. „Können wir das vielleicht nachher machen?“, fragte sie zögernd.
Verdutzt sah Mike zu ihr. George war doch eben noch diejenige gewesen, die Feuer und Flamme für das Abenteuer war, und jetzt wollte sie nicht? „Und was willst du stattdessen machen?“
George sah die beiden bittend an. „Na ja, ich wollte zu Vagna und Glasir...“, gab sie leise zu. „Ich will Mephisto wiedersehen. Ich weiß nicht, warum, aber er braucht mich. Und…ich habe das Gefühl, dass ich zu ihm muss.“ George sah wieder zu Boden.
„Okay, dann geh lieber“, meinte Mike und grinste. „Ich bin mir sicher, dass du ihm helfen kannst, wenn er dich schon jetzt so sehr beschäftigt. Pass bloß auf, dass da nicht mehr draus wird!“
„Was soll das denn jetzt heißen?!“, verwirrt sah George zu Mike.
„Nicht, das er dich irgendwann als Löwin sieht und sich dann in dich verguckt“, scherzte Mike lachend.
„Blödmann!“, schnaufte George und fing an zu lachen, dann gab sie ihm einen Klapps. „Das passiert schon nicht, keine Sorge.“
„Was du nur immer denkst, Mike“, kicherte Svenja. „Also wirklich. Ich glaube, ich gehe dann zu Svipa. Sie wird mit mir bestimmt schon anfangen wollen, zu trainieren.“
„Und ich gehe zu Ernir“, beschloss Mike. „Die beiden Typen wollen ja in seinem Wagen schlafen, oder? Dann kann ich da gleich mal mein Auge drauf werfen.“
„Mach das“, meinte George. „Ich gehe dann. Tim, Lucky, kommt.“ Schon stürmte George aus dem Wagen und rannte in die Richtung zu den Dompteuren. Tim und Lucky rannten ihr schwanzwedelnd hinterher. Als sie bei den anderen Hunden vorbeikamen, blieben die beiden allerdings stehen und sahen hin und her gerissen von George zu den Hunden.
„Na los, geht schon. Ich komme schon alleine klar“, meinte das Mädchen lächelnd. Und schon rannten ihre beiden Freunde bellend zu ihren neuen Kameraden. Tim sprang dem Hund, der ihm am nahsten war, sogleich an und schon begann eine kleine Rauferei.
George lief weiter, zu den Dompteuren. Vagna und Glasir saßen an einem Tisch und tranken einen Kaffee. George lief auf die beiden zu und lächelte zögerlich.
„George“, freute sich Glasir. „Na? Bist du wegen Mephisto hier?“
George nickte. „Ja, aber woher weißt du das?“
„Geraten“, Glasir grinste. „Nein, Spaß beiseite. Ich habe vermutet, dass ihr eine Verbindung aufgebaut habt, die den anderen nicht in Ruhe lässt. Mephisto ist die ganze Zeit ziemlich aufgedreht und läuft unruhig durch sein Gehege. Das war bei ihm noch nie so, aber bei manch anderem Löwen oder Tiger kam das schon vor. Das war, wenn sie uns suchten. Ist manchmal so.“
„Also bist du der Meinung, Mephisto hat mit mir eine gute Verbindung? Das er mich spürt?“
Vagna nickte. „Scheint ganz so, du fühlst ihn doch, oder?“
„Ja, ich fühle ihn. Seine Ängste…Sorgen, Freude…alles.“
„Dann solltest du ihm einen Besuch abstatten.“ Glasir nickte George zu. „Denkst du, du schaffst das alleine oder soll einer von uns mitkommen? Ich würde nur gerne meinen Kaffee austrinken.“
„Trink ruhig“, winkte George ab. „Kommt doch einfach nach.“ Damit drehte sich das Mädchen um und ging zu den Käfigen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass Mephisto in einem abgetrennten Bereich des Käfigs war. Vermutlich, damit sich die Tiere nicht paarten. George ging zu ihrem neuen Freund, der, kaum hatte er sie erblickt, reglos stehen geblieben war und sie die ganze Zeit wie gebannt anstarrte.
„Na du“, meinte George und strich ihm durch sein Fell. Sofort fing er wieder an zu schnurren. „Ich fühle dich“, flüsterte das Mädchen. Der Löwe schmiegte sich an ihre Hand. Und George sah in seinen Augen, dass er sie auch fühlte.

© by George28

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Kommentare: 6
  • #1

    Hannes (Samstag, 29 März 2014 18:25)

    Cool !

  • #2

    Leonie (Sonntag, 30 März 2014 10:06)

    Sehr gut geschrieben!!! Wie George in Verbindung mit Mephisto ist. Mephisto ist ein schöner Name. Nur ein Frage warum lässt George den Namen ,, Dompteurin" zu?

  • #3

    George28 (Sonntag, 30 März 2014 12:06)

    Ach man, das vergesse ich immer. So, ist jetzt verbessert. So besser? :)

  • #4

    Sarah (Sonntag, 06 April 2014 11:44)

    Dieses kapitel ist echt cool.

  • #5

    George28 (Sonntag, 06 April 2014 14:21)

    Danke :) ich gebe mir ja auch Mühe ^^

  • #6

    Apple (Dienstag, 10 Juni 2014 12:08)

    Super!!Hoffendlich kommt bald was neues, ich brenne darauf!!

Ich bin KEINER der Fünf Freunde Schauspieler, nur ein Fan!



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